Liebe Leserin, lieber Leser,

 

schaffe mir Recht – lateinisch – Judika heißt der 5. Sonntag in der Fastenzeit.

Ich habe gelesen, dass früher an diesem Sonntag Altarbild und -kreuz mit

einem Fastentuch abgehängt worden sind. Stelle ich mir das in einer Kirche mit

vielen Heiligenbildern und bunten Altären vor, dann war das sicher ein harter

Einschnitt für die Augen – man musste mehr auf die inneren Bilder

zurückgreifen - ein Fasten der Augen.

Unsere Augen fasten in diesen Tagen auch, denn es fehlen die vertrauten

Gesichter der Eltern, der Kinder und Enkel, der Freunde, Nachbarn und Kollegen.

Kontaktverbote können wir nur mit Telefonaten, Bildern, kleinen Videos oder

dem Videochat überbrücken.

Doch es bleiben auch einige ausgeschlossen und freuen sich über einen Anruf

oder einen Brief in diesen Tagen. Die Diakonie-Stiftung MitMenschlichkeit

startete in Hamburg vor 2 Tagen eine Briefaktion für Senioren als Zeichen gegen

Einsamkeit. Eine Aktion, die inzwischen Kreise zieht und einen Brief schreiben

lässt.

 

Lied

1) In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist; hilfest von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja. Zu deiner Güte steht unser G'müte, an dir wir kleben im Tod und Leben; nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2) Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod; du hast's in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not. Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren mit hellem Schalle, freuen uns alle zu dieser Stunde. Halleluja. Wir jubilieren und triumphieren, lieben und loben dein Macht dort droben mit Herz und Munde. Halleluja. /

Text: Cyriakus Schneegaß, Melodie: Giovanni Gastoldi

 

Einige Gedanken zum Lied:

Das Lied „In dir ist Freude in allem Leide“ ist mir in der Vorbereitung auf den

Sonntag Judika begegnet. Mein erster Impuls war, ein anderes Lied

rauszusuchen. Freude im Leid, kann man das jetzt singen?

Die Melodie dieses Liedes ist beschwingt und eingängig, aber über den Text

muss ich doch länger nachdenken. Die Erläuterung von M. Schneider in „Kirche

klingt – 77 Lieder für das Kirchenjahr“ zu diesem Lied waren mir hilfreich, neu

über das Lied nachzudenken.

Einige seiner Gedanken fließen hier mit ein.

Cyriakus Schneegaß, der Autor des Liedes, lebte in Thüringen von 1546 bis

1597, war Pastor und Lieddichter, verheiratet und hatte acht Töchter und zwei

früh verstorbene Söhne. Er hatte die Folgen des Schmalkaldischen Krieges

(1546-1547) hautnah miterlebt. Von ihm wird überliefert, dass er ein Seelsorger

war, der an den Schicksalen der Gemeindemitglieder großen Anteil nahm und

sich um die Armenpflege und die Schuleinrichtung in seiner Gemeinde

gekümmert hatte.

Cyriakus Schneegaß erzählt in seinem Lied von den Bedrohungen des Lebens bis

hin zu Tod und findet gleichzeitig Worte für eine ausgelassene Freude gegründet

in seinem Glauben an Gott und Jesus Christus. Seine Erfahrung, dass man trotz

aller Schrecken, sich freuen kann, verdichtet sich in diesem Lied. Manchmal

scheinen in den Schatten des Todes und des Leides Freude und Dankbarkeit auf.

Ich habe das in diesen Tagen z.B. bei Trauergesprächen wieder erlebt. Beim

Erzählen über den Verstorbenen flackern die schönen Erinnerungen auf und es

wird auch mal gelacht.

Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja. Zu deiner

Güte steht unser G'müte, an dir wir kleben im Tod und Leben; nichts kann uns

scheiden.

Den Grund für die Freude trotz allem findet der Autor in seinem Glauben an

einen gütigen Gott, der uns verbunden bleibt in guten und in schweren Zeiten.

Ich finde in diesen Liedzeilen die Worte des Apostel Paulus, der in seinem Brief

an die Römer schrieb: Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel

noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch Gewalten, 39 weder

Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der

Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn. (Römer 8, 38-39)

Angesichts des Leides, dass mir manchmal in Gesprächen oder in den

erschreckenden Nachrichten begegnet sind diese Worte für mich oft schon ein

Anker gewesen, um nicht in der Verzweiflung abzutreiben und im Chaos der

Gefühle verloren zu gehen.

Cyriakus Schneegaß nutzt für seinen Text eine bekannte Melodie von Giovanni

Gastoldi, einen Tanz – den Baletto mit dem Rhythmus der Gaillarde, einem

Springtanz. Dadurch bekommt das Lied trotz der gewichtigen Worte eine

gewisse Leichtigkeit. Ein wenig wie wir es in diesen Tagen erleben, wenn uns die

Sonnestrahlen wärmen, die Frühblüher uns erfreuen oder die ersten Hummeln

und Schmetterlinge zu sehen sind trotz des kalten Ostwindes und der Aussicht

auf Schneeschauer am Sonntag.

Gaillarde war ein Tanz bei dem die Tänzer ihre Kraft unter Beweis stellten und

den z.B. die englische Königin Elisabeth I. als Frühsport schätzte. Im Internet

findet man Beispiele solcher Tänze. :)

Der Tanz Gaillarde braucht das richtige Tempo – tanzt man ihn zu langsam,

dann verlangt er viel Krafteinsatz und ist nicht lange durchzuhalten, tanzt man

ihn zu schnell, kann man die Schrittfolge nicht ausführen. Das richtige Maß

braucht dieses Lied und das richtige Maß suchen viele von uns in diesen Tagen.

Wieviel Aufgaben sind für die Schulkinder in diesen Tagen maßvoll, gerade wenn

viele Eltern nebenbei zuhause arbeiten müssen? Wieviel brauchen die Betriebe

und Selbstständigen, damit ihre Existenzen nicht für immer zerstört werden?

Was brauchen die MitarbeiterInnen in den Krankenhäusern, in den Geschäften,

im Öffentlichen Dienst, damit sie ihre Aufgaben gut bewältigen können?

Was brauchen die Menschen in den Krisen- und Kriegsgebieten in dieser Zeit?

Wann und in welchem Umfang können die Einschränkungen ein wenig gelockert

werden ohne dass die Infektionen wieder in die Höhe schnellen?

Das rechte Maß zu finden mit den unterschiedlichen Anliegen, Positionen, das

Schwere und das Leichte im Blick braucht es wohl zu allen Zeiten.

Ich wünsche Ihnen in diesen Tagen, dass sie erfreuliches erleben und erfahren

und sie Zuspruch erleben bei schwierigen Entscheidungen oder in schwierigen

Momenten.

 

Lied

1. Komm, Herr, segne uns, daß wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu dir

bekennen. Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen. Lachen oder Weinen

wird gesegnet sein.


2. Keiner kann allein Segen sich bewahren. Weil du reichlich gibst, müssen wir

nicht sparen. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen, schlimmen Schaden

heilen, lieben und verzeihn.

 

3. Frieden gabst du schon, Frieden muß noch werden, wie du ihn versprichst un

s zum Wohl auf Erden. Hilf, daß wir ihn tun, wo wir ihn erspähen - die mit

Tränen säen, werden in ihm ruhn.


4. Komm, Herr, segne uns, daß wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu dir

bekennen. Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen. Lachen oder Weinen

wird gesegnet sein.

 

Fürbitte

Ratlos sind wir, Gott, und bringen unsere Ratlosigkeit vor dich.

In Sorge um unsere Angehörigen, Freunde, Nachbarn sind wir,

und wir bringen unsere Sorge vor dich.

Bedrückt sind wir, und wir bringen unsere Angst vor dich.

Unsere Angst um die vielen Helfer, die Menschen in den Kriegs- und

Krisengebieten.

Dankbar sind wir für alle Menschen, die uns Mut machen,

und wir bringen unseren Dank für sie vor dich.

Mitten hinein in unsere Angst

schenkst du uns das Leben und Freude an viele kleine Dinge.

Du schenkst uns Musik, Gemeinschaft und

die Fürsorge unserer Freunde und Nachbarn.

Du schenkst uns Inspiration, Freundlichkeit und Mut.

Du schenkst uns

den Glauben, dass uns nichts trennen kann von dir.

Dir vertrauen wir uns an – heute und morgen und an jedem neuen Tag. Amen.

 

Vaterunser

Segen

Gott segne deine Zeit

die Zeit der Arbeit und die Zeit der Ruhe

die Zeit des Glücks und die Zeit des Leids

die Zeit voller Kraft und die Zeit der Schwäche

die Zeit des Erkennens und die Zeit des Fragens.

Er lasse alle Zeit zum Segen werden

für dich und für andere.

So segne dich der gütige Gott, der Herr aller Zeit. Amen.