Gottesdienst aktuell

Liebe Leserin, lieber Leser,

Vergebung erfahren und neu anfangen – darin liegt eine große Kraft. Es geht nicht darum, sich klein und hässlich zu fühlen, sondern darum, wieder frei und aufrecht gehen zu können. Gibt es etwas, was mich belastet? Steht etwas zwischen mir und einem anderen; zwischen mir und Gott? Jesus wird vorgeworfen, er kümmere sich zu viel um jene, die schuldig geworden sind, jene, mit denen man eigentlich nichts mehr zu tun haben will. „Der isst mit den Sündern und Zöllnern“, werfen ihm die Pharisäer, die sich ernsthaft um ein gottgefälliges Leben bemühen, vor. Diesem Vorwurf begegnet Jesus mit kleinen Geschichten. Zwei dieser Geschichten sind der Predigttext und die dritte kennen sie sicher. Es ist die Geschichte vom verlorenen Sohn. Im Wochenspruch des 3. Sonntag nach Trinitatis heißt es: Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lied 165 Gott ist gegenwärtig

Psalm 103

Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele,

und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,

der deinen Mund fröhlich macht und du wieder jung wirst wie ein Adler. Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Dennso hoch der Himmel über der Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.

Einleitung

Der Evangelist Lukas widmet den Verlorenen Israels viele Geschichten. Im 15. Kapitel wird in unterschiedlichen Gleichnissen erzählt: Gott gibt nichts und niemanden verloren. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, den zu suchen, der sich nicht alleine helfen kann und auch das Kleinste zu achten. In einem Streitgespräch mit den Pharisäern nimmt Jesus Stellung zu seinem Verhalten. Die Gleichnisse sind mitten aus dem Alltag gegriffen. Jeder kann sich vorstellen, etwas zu suchen, was man verloren hat, weil es ihm wichtig ist. Jesus erzählt mit diesen Geschichten von seinem Auftrag in dieser Welt: Da zu sein, für jene, die sich verloren fühlen oder verloren gegeben worden sind, jenen nachzugehen, die dazu gehören wollen.

Predigttext Lukas 15, 1-10

Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen. Oder welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. So, sage ich euch, ist Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

Predigtgedanken dazu:

Der Käfer konnte noch so klein sein, die Ameise noch so flink, er entdeckte sie trotzdem. Dann blieb er stehen und schaute sich das Lebewesen genauer an, nahm es behutsam in die Hand und schaute es sich genauer an oder er schaute einfach zu, was das Tier so machen wird. Er hatte den Blick für das Kleine, Unscheinbare und überraschte die Erwachsenen mit seinem Ausruf: „Oh, schau mal ein Käfer!“ Wenn die Erwachsenen sich die Mühe machten, das Krabbeltier zu sehen, mussten sie oft sehr genau hinsehen. Erstaunlich, dem Blick des Kindes ging scheinbar nichts verloren. Auch als Erwachsener hatte er sich diesen Blick für das Kleine bewahrt und zeigt den Kindern, genauer hinzuschauen, neugierig zu bleiben für das Kleine und Unscheinbare. Jesus macht seinen Diskussionspartnern aufmerksam, genauer hinzuschauen, neugierig und offen zu bleiben: „Schau dir diesen Hirten an, der das Einzelne Schaf nicht aufgibt, obwohl er doch noch genügend Schafe in der Herde hatte. Keines gibt er auf.“ Ich stelle mir vor, wie Hirten anerkennend dazu nicken würden.

„Schau dir diese Frau an, die nicht eher ruht, sich Licht holt, bis sie den Groschen findet, den sie verloren hat.“ Ich stelle mir vor, wie jeder anerkennend nickt, der ein Geldstück schon einmal verloren hat.

Dem Verloren nachzugehen macht Mühe, aber, so erzählt es Jesus, bringt vor allem Freude, die noch größer wird, wenn man sie mit den anderen teilen kann, den Freunden und Nachbarn.

„Schaue genau hin, auf das Kleine, Verloren, weil auch das so wertvoll ist für alle.

Als vor einigen Wochen der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz feststellte, dass Teile der Ostdeutschen für die Demokratie verloren seien, ging ein Raunen durch das Land und es entbrannte eine Diskussion. Die einen fühlten sich wieder mal stigmatisiert, die anderen klagten, dass man das doch nicht so pauschal sagen können, wieder andere beklagten, wie schwer es ist, an manche Menschen heranzukommen, sie zu verstehen.

Nach meinem Eindruck waren die Stimmen laut, die sich wehrten, bestimmte Menschen oder Bevölkerungsgruppen pauschal verloren zu geben. Wanderwitz selbst reagierte und meinte, dass er seinen Appell nicht als Generalkritik an den Ostdeutschen verstanden haben wolle. Er wollte mit seinem Appell, nach eigener Aussage, für eine klare Abgrenzung von der AFD werben und lieber eine „Brandmauer möglichst hoch ziehen“, um die Demokratie zu retten.

Für Brandmauern und Ausgrenzungen hatte Jesus keine Zeit. Und die Geschichte lehrt, dass Mauern zwischen Menschen und Völkern sowieso eingerissen werden, mal von der einen und mal von der anderen Seite.

Jesus wirbt bei den Pharisäern, sein Verhalten zu verstehen. Bestenfalls zu respektieren, was ihn treibt, sich mit den Zöllnern, den Handlangern der Besatzer, wie anderen Sündern an einen Tisch zu setzen. Er erzählt von der Freude, die entsteht, wenn einer sich angesprochen fühlt, wenn einer erlebt: Ich bin nicht verloren, ich werde ernst genommen und respektiert. Ich gehöre wieder dazu.

Das Kleine, das Unscheinbare und Verlorene zu sehen und sich dafür stark zu machen, ist keine leichte Aufgabe. Mit Menschen zu reden und zu diskutieren, die ein ganz anderes Weltbild haben, erweist bei dem einen als unmöglich und bei der anderen wächst neues Vertrauen. Bestenfalls gelingt es dann doch noch, das richtige Wort oder die hilfreiche Geste zu finden, um die Grenze zwischen Innen und Außen aufzuweichen und Menschen eine neue Chance zu geben, sie nicht auf ewig auf ihre Haltung und Meinung fest zu nageln.

Der Blick für das Kleine, manchmal so klein, dass man es kaum entdecken kann, die Suche nach dem was sich verloren gegeben hat oder für andere verloren scheint? Jesus erzählt mit seinen Gleichnissen und seinem Tun von einem Gott, der diesen Blick in uns schärfen will und der niemals aufgibt, nach uns zu suchen.

Manchmal hilft es auch zu fragen: Wo stehe ich? Bin ich draußen, gehöre ich nicht dazu oder bin ich drinnen und gehöre ich zu den 99 Gerechten? Wo möchte ich sein? Wer hält zu mir?

Heute war ich zum Verabschiedungsgottesdienst der 4. Klässler in der Ev. Grundschule in Kavelstorf. Glücksmomente hatten die Schüler gesammelt und aufgeschrieben. Ihr Glücksmomente waren z.B.: „Es ist jemand für mich da gewesen. Ich habe Freunde gefunden. Ich konnte fragen, wenn ich nicht weiter wusste. Ich hatte Spaß in der Schule.“ Es braucht wohl immer beides, dass Suchen und sich finden lassen.

EG 221 Das sollt ihr Jesu Jünger nie vergessen

Fürbitte / Vaterunser

Lobe den Herrn, meine Seele. Wir vertrauen darauf, dass du deiner Welt treu bleibst.
Wir bitten dich: Vergib allen, die in Unrecht und Gewalt verstrickt sind. Vergib denen, die auf Kosten anderer Leben. Vergib uns, damit wir zu dir umkehren.
Wir bitten dich: gib deine heilenden Kräfte jenen, die schwer erkrankt sind. Gib deinen heilenden Geist allen,
die sich um die Verwirrten, Verzweifelten und Ratlosen mühen. Erlöse uns von dem, was Zerstörung und Tod bringt. Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, deinen heiligen Namen. Ja, so loben wir dich und vertrauen uns dir, dem dreieinen Gott an. Lobe den Herrn, meine Seele, heute und alle Tage.  Amen.

Segen

Gott segne dich, dass du zur Ruhe kommst, dein Leben zu bedenken: Dass du dich versöhnen kannst mit dem, was dir in der Vergangenheit misslungen ist, und mit den Menschen, mit denen du zerstritten bist, und die Hoffnung neu in dir erwacht. Gott segne dich, dass du jedem Morgen mit froher Erwartung entgegensiehst: Dass dir aus dem, was dir bisher an Schönem gelungen ist, Freude und Kraft für die Zukunft erwächst und sich in dem, was du tust und was dir geschenkt wird, deine Sehnsucht erfüllt. Amen.