Gottesdienst aktuell

Liebe Leserin, lieber Leser,

Was ich tue oder unterlasse, was ich sage und plane, ist nicht gleichgültig. Ich bin verantwortlich. Mein Leben kann etwas verändern. Die Texte des 8. Sonntag nach Trinitatis nehmen das Thema auf. Im Wochenspruch heißt es: „Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“

Lied EG 503,1-3.7-8 Geh aus mein Herz

Gebet

Bevor wir das Licht der Welt erblicken, ist es schon in uns. Gott, du willst, dass wir es weitergeben. Es wird hell, wenn eine am Bett eines anderen wacht. Es wird hell, wenn einer sich für eine andere stark macht. Es wird hell, wenn wir einander deine Geschichten erzählen. Mit deinem Licht hast du uns beschenkt.

Einleitung zum Predigttext

Paulus war es bei seinem Besuch in der Hafenstadt Korinth gelungen, Menschen für ein Leben zu begeistern, das aus dem Schatz des Glaubens lebt. Das neue Leben nach der Taufe gewinnt eine ungeahnte Kraft und Weite. Reich an Gnade und mit Barmherzigkeit beschenkt, entwickelte sich in der Gemeinde Korinth das Gefühl innerer und äußerer Freiheiten. Ganz selbstverständlich wurden alte Verhaltensweisen integriert und neue miteinander entwickelt. Das ging nicht ohne Diskussionen und Spannungen. Nach einiger Zeit erreichen Paulus Geschichten, die ihn dazu bringen, mehrere Briefe an die Gemeinde zu schreiben, um auf die Spannungen zu reagieren und Fragen zu beantworten. Eine konkrete Geschichte ist der Hintergrund für den Predigttext des heutigen Sonntages. Ein Mann hatte mit der 2. Frau seines Vaters eine Beziehung angefangen, was in der Gemeinde für Aufregung sorgte und rechtliche Schritte nach sich ziehen sollte. Denn obwohl in der römischen Gesellschaft religiöse Praktiken aller Art allgegenwärtig und öffentlich waren, war das nicht in Ordnung. Paulus nimmt den Streit zum Anlass, zu diesen Fragen Stellung zu beziehen.

Predigttext 1. Korinther 6, 9-14.19-20

Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichte machen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Auslegung

„Alles ist mir erlaubt!“ Die christliche Freiheit, alles tun zu können, wird von Paulus nicht in Frage gestellt. Völlig frei und selbständig dürfen wir entscheiden. Als freie Menschen sind wir nichts und niemandem in dieser Welt untertan. Ein gesetzliches Glaubensverständnis, wonach unser Leben sich als sinnerfüllt erweisen könnte, wenn wir religiös begründete Regeln und Gebote befolgten, ängstlich bemüht, nicht davon abzuweichen, hatte Paulus als ehemals frommer Jude abgelegt und mit dem Glauben an die Vergebung eine neue Weite in Gottes Barmherzigkeit erfahren. Diese Freiheit begründete auch in Korinth eine christliche Gemeinschaft mit Reichen und Armen, Sklaven und Freien, Männern und Frauen, Juden und Nichtjuden. Heute würde man sagen, eine diverse Gemeinschaft aus ganz unterschiedlichen Milieus und Schichten, die miteinander glaubte, lebte, sich stritt und wieder versöhnte und Antworten suchte für den Alltag.

Im 6. Kapitel setzt sich Paulus mit sexuellen und sozialen Fragestellungen der Gemeinde auseinander. Paulus stellt fest: „Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer werden das Reich Gottes ererben.“, wenn sie meinen auch als Christen so weiter machen zu können wie bisher. Denn manches, was Paulus aufzählt, war gesellschaftlich akzeptiert zu mindestens für die Männer. Treue war als Tugend den Frauen vorbehalten. Für die Männer galt damals: „Alles erlaubt!“ Paulus begründet seinen Einspruch mit dem Anfangsdatum eines jeden Christen, nämlich die Taufe: „Aber ihr seid reingewaschen, seid geheiligt, seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus“. Durch die Taufe haben Leib und Seele eine neue Qualität erhalten und jeder Getaufte wird in eine gänzlich neue Existenz gestellt. Frei von Schuld und frei für eine Zukunft über unsere irdische Zeit hinaus und zwar für den ganzen Menschen, Leib und Seele: „Gott, hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.“ Paulus rechnete wie viele Christen im 1. Jh. nach Christus, dass Jesus schon bald wieder kommen wird und das Reich Gottes anbricht. Zugegeben, nach 2000 Jahren gelebtes Christentum ist die Naherwartung der Wiederkunft Christi sehr verblasst, aber die Hoffnung, dass unser Leben von der Herrschaft des Todes befreit sein wird, schenkt auch heute Kraft, Hoffnung und Geduld in den schwierigen Augenblicken unseres Lebens.

„Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten.“ Die Freiheit ist ein hohes Gut und die Grenzen der Freiheiten werden in Konflikten deutlich sichtbar. Der Kulturanthropologen René Girard (1923-2015) hat sich mit den Grenzen der persönlichen Freiheit auseinander gesetzt und hat in den Mittelpunkt seiner Überlegungen das „Miteinander vergleichen“ und das „Begehren“ nach dem, was der andere hat, gestellt. Das Begehren des Menschen ist für ihn die Ursünde schlechthin. „Begehren, so Girard, „führt zu Abgrenzungen und in letzter Konsequenz zur Ausgrenzung und einem übersteigerten Individualismus. Es besteht die Gefahr, dass der Mensch zu einem verfügbaren Objekt gemacht wird und seiner Subjektivität beraubt wie ein Sklave behandelt werden könnte. Das Begehren erzeugt Neid und Eifersucht, Ressentiment und Hass, was Gemeinschaften spaltet. „Ich will das haben, was du hast, weil ich besser bin als du oder weil mir das zusteht!“ Zu Recht wird jede Handlung kritisiert und diskutiert, die Menschen zu Objekten machen, sei es beim sexuellen Missbrauch in Kirche und Gesellschaft, sei es im Alltagsrassismus, sei es bei antisemitischen oder antiislamischen Äußerungen, sei es bei Urteilen über Andersdenkende überhaupt.

Paulus Kritik verstehe ich als einen Einspruch, Menschen ihrer Würde zu berauben, sie zum Objekt der Begierden zu machen und somit der Gemeinschaft zu schaden. „Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.“ Leib und Seele sind für Paulus untrennbar verbunden, so dass der Mensch ganz gar mit Leib und Seele für Gottes Barmherzigkeit und Güte einsteht:„Euer Leib gehört Gott, ist ein Tempel des Heiligen Geistes.“

Unsere Freiheit, begründet in der Bindung Gottes an uns Menschen, wird in den Beziehungen zu anderen Menschen und zu Gott selbst sichtbar und erfahrbar. Hilfreich bleibt zu fragen, was heilig, heilbringend und heilend ist. Der Geist der Achtung und Liebe Gottes drängt sich in alle Bereiche unseres Zusammenlebens, seelisch und körperlich, sozial und sexuell. So wachsen Verlässlichkeit und Verbindlichkeit und die Würde eines Menschen wird geachtet. Die Sexualmoral hat sich in den letzten 2000 Jahren vielfach gewandelt, aber damit Menschen nicht in Abhängigkeiten geraten, deren Ergebnis Kontrollverlust und Freiheitsverlust durch zerstörerische Bindungen sind, bleiben die Ratschläge des Korintherbriefes hilfreich und aktuell: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.“ Damit wir Gott, unserem Nächsten und uns selbst mit Liebe, Achtung und in Würde zu begegnen.

Lied EG 503, 13-15 Geh aus mein Herz

Fürbitte und Vaterunser

Ewiger Gott, Wasserfluten haben uns heimgesucht, Ortschaften zerstört und Menschen die Lebensgrundlagen geraubt, Menschen, Tieren und Pflanzen das Leben genommen. Erschüttert stehen wir da und bringen vor dich unsere Klage, unsere Verstörung und unsere Gedanken an die Opfer. Wir bitten dich:
Sende uns deine Friedenstaube, die Hoffnungsbotin, und zeichne deinen Regenbogen in den Himmel als Zeichen deines Bundes mit allem Leben, dass du die Erde nicht verfluchen willst um der Menschen willen,
dass nicht aufhören soll Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Wasserfluten haben uns heimgesucht, in anderen Weltgegenden wüten Hitzestürme.
Vor dir fragen wir uns, was all das bedeutet, was wir dazu beigetragen haben und was wir ändern müssen.
Wir wissen: Alles ist uns erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist uns erlaubt, aber nichts soll Macht haben über uns. Schenke uns deinen Geist, Gott des Lebens, lass uns Einsicht nehmen und Mut fassen,
begleite uns auf dem harten Weg, der vor uns liegt. Du bist unser Licht.

Segen

Möge der Himmel ein Fenster für die wärmenden Strahlen der Sonne offen halten, die dich begleiten auf deinem Weg. Mögest dein Morgen voller Erwartung, Mittag voller Kraft und Abend voller Weisheit sein. Möge der Vogel, der dir das Morgenlied singt, am Abend sein Lied noch kennen. (Irischer Segen)