Gottesdienst aktuell

Liebe Leserin, lieber Leser,

der 20. Sonntag nach Trinitatis erinnert an das Vertrauen in Gottes Klarheit wie es im Wochenspruch heißt: „Es ist dir gesagt, was gut ist, Mensch und was Gott von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein.“ In unserer Welt, in der Fehler laut beklagt werden, ist es scheinbar schwerer geworden, gemeinsame Regeln und Verhaltensmaßstäbe zu finden. Doch wie kann ich danach fragen, wenn ich nicht darum weiß oder niemand da ist, den ich fragen könnte. Der Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Predigerbuch erinnert, dass es wichtig ist, schon früh nach Gott und allem, was gut ist für mich und/oder die Welt ist, zu fragen.

Lied EG 240 Du hast uns Herr in dir verbunden

Gebet

Gott der Klarheit, du zeigst uns den Weg, den wir gehen sollen. Und wenn wir entscheiden und handeln, wie es deiner Weisung entspricht, dann hilf uns, dass wir mutige Schritte wagen. Durch Jesus Christus, den Zeugen unseres Glaubens.

Einleitung zum Predigttext

Der Denker sitzt auf seinem Sofa, sein Blick geht durchs Fenster in die Ferne. Um ihn herum sitzt seine Familie, Kinder und Kindeskinder. Es gibt Kaffee und Kuchen, ihr Geplauder vermischt sich zu einem fernen Brei aus Geräuschen im Hintergrund seiner Gedanken. Der Denker hat schon viel erlebt und viel gesehen. Tage wie diese gefallen ihm. Wenn sie alle beisammen sind, lachen und sich gegenseitig necken, diskutieren oder die Kinder trösten. So könnte es immer sein. Er fühlt sich beschenkt und ist dankbar für seine Familie und sein Glück. Sein Blick ist trübe geworden, die alten Knochen wollen nur noch langsam die Wegstrecken zurück legen. Aber die Vögel im Futterhaus kann er noch beobachten und seinen Spaziergang schafft er auch noch jeden Tag. Er weiß, dass er nichts festhalten kann, dass die Zeit weiter zieht und irgendwann der silberne Strick zerreißt, die goldene Schale zerbricht, der Eimer an der Quelle zerschellt und das Rad am Brunnen zerbricht. Als er jung war, da hatte er Angst vor den letzten Stunden. Doch jetzt wartet er und freut sich über Tage wie diese. Sie sind kostbar und das Wissen darum möchte er gerne weiter geben. Als einer seiner Enkel von ihm alte Geschichten hören will, da sagt er:

Prediger 12, 1-7

Denk an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe die bösen Tage kommen und die Jahre nahen, da du wirst sagen: »Sie gefallen mir nicht«; 2ehe die Sonne und das Licht, der Mond und die Sterne finster werden und die Wolken wiederkommen nach dem Regen, – 3zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, 4wenn die Türen an der Gasse sich schließen, dass die Stimme der Mühle leise wird und sie sich hebt, wie wenn ein Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen; 5wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstigt auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht und die Heuschrecke sich belädt und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; – 6ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. 7Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat .

Predigtgedanken

Vom Jungsein und Altwerden erzählt dieser Text. Dem Altwerden ins Gesicht schauen, realistisch und zugleich liebevoll, das gelingt dem Autor in der über V. 2-6 ziehenden Allegorie des alt werdenden Menschen, wie er sie in anschaulichen Bildern beschreibt: z.B. die Hüter des Hauses zittern = die zitternden Hände; die starke Männer krümmen sich = die Beine werden krumm; die Müllerinnen stellen ihre Arbeit ein = die Zähne sind krank oder fallen aus; die Frauen in trüben Fenstern = die Augen können nicht mehr so gut sehen; die beiden Türen schließen sich = die Ohren können nicht mehr so gut hören; das Geräusch der Mühle (die Stimme) wird leise; der Mandelbaum blüht = die Haare werden grau usw.

Freude trotz Vergeblichkeit. Halt inmitten von Vergänglichkeit. Der Autor des Predigerbuches ist ein Gratwanderer zwischen den Widersprüchen des Lebens. In seiner großartigen Weisheit bringt er die unvereinbar erscheinenden Widersprüchlichkeiten, die Komplexität und Ambivalenz menschlichen Daseins ins Gespräch. Man sollte wissen, was vergeblich ist, worauf man sich verlassen oder auch nicht verlassen kann. Mindestens das halbe Buch ist eine Litanei vergänglichen Besitzstandes und geplatzter Träume. Das muss so oft gesagt werden, weil deren Verführungskraft damals wie heute so unglaublich groß ist. Sie kennen sicher den Ausspruch: „Geld macht nicht glücklich, aber beruhigt.“ Dass das nur bedingt hilft, kann jeder erzählen, den Schicksalsschläge tief getroffen haben oder die, wie der Autor des Predigerbuches, das Nachdenken über das Altwerden und den Tod nicht scheut, ja danach fragt, was bleibt und was trägt. Einige Verse vor dem Predigttext heißt es: So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt, und wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird.  Einerseits wird die Freiheit und Freude der Jugend herausgestellt und andererseits wird mit der Beschreibung des Alters gewarnt, um schon in der Jugend zu prüfen, was gut und hilfreich ist. Die Jugend fragt im 21. Jhd deutlich danach, wenn sie fragen, wer den Klimawandel ausbaden wird, wer die finanziellen und psychischen Lasten der Coronakrise trägt, wie der Generationenvertrag bei immer weniger jungen Menschen gelingen kann. Der Autor des Predigerbuches will nicht Jugend und Alter gegeneinander ausspielen, sondern die Jugend ermutigen, ihrem Herzen und den Weisheiten der Alten zu folgen.

Der Denker erinnert mit seinen Geschichten an das, was war, was ist und was bleibt. Ich stelle mir vor, dass er erzählt, wie er z.B. mit seiner Frau viele wunderbare Stunden am Meer mit Sonnenuntergängen erlebte. Wie er mit seinen Kindern auf den Feldern Erdbeeren pflückte und alle soviel naschten, dass sie Bauchschmerzen bekamen. Wie seine älteste Tochter bei einem großen Gewitter geboren wurde und er so glücklich war, als er sie das erste Mal im Arm hielt. Wie er im Herbst die Futterhäuschen für die Vögel aufbaute, um ihnen das Leben im Winter angenehmer zu machen. Wie ihm sein Lehrer nach einem Streich beiseite nahm und mit seinen ernsten Worten ihn mitten ins Herz traf. Wie er Tag für Tag früh am Morgen aufstand, um seiner Arbeit nachzugehen. Wie er…. Geschichten sind lebendiger und hilfreicher als Verhaltenskataloge oder Gesetzestexte. Sie erzählen von dem was bleibt: Gelebte Beziehung und Freude. Begangene Fehler und Versöhnung, fatale Irrtümer und Neuanfang und das Vertrauen, dass in allem ein tieferer Sinn steckt und Gott uns nur das Beste wünscht. So wie es im 3. Kapitel des Predigerbuches zusammengefasst steht:

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: 2Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; 3töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; 4weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; 5Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; 6suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; 7zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; 8lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. 9Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. 10Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. 11Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. 12Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. 13Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Lied EG 211 Gott, der du alles Lebe schufst

Fürbitte und Vaterunser

Du ewiger Gott, öffne uns die Augen, für das Schöne im Leben undunsere Grenzen.
Wir bitten dich für alle, die sich nach Gerechtigkeit sehnen – für die Menschen, die fälschlich beschuldigt werden. Öffne uns die Augen, für die Ungerechtigkeit in dieser Welt. Wir bitten dich für alle, die den Frieden suchen – für Menschen, die Brücken bauen. Öffne uns die Augen, für Unfriede und Hass.

Wir bitten dich für alle, die krank sind und kraftlos sind, für die Krebskranken und ihre Angehörigen,
Öffne uns die Augen, für die Kranken und Trauernden, für alle, die zu uns gehören, die wir lieben.

Segen
Liebe und Lachen mögen deine Tage erleuchten. Wärme fülle dein Herz und dein Haus. Gute und treue Freunde sollst du finden, wo immer du bist. Friede und Wohlstand mögen deine Welt mit Freude füllen.
Und die vorbeiziehenden Zeiten des Lebens mögen das Beste bringen für dich und die Deinen.