Gottesdienst aktuell

Liebe Leserin, lieber Leser,

ein Laut von Sehnsucht und Klage durchzieht den 2. Advent. Die Texte erzählen von großen Kräften, die alles verändern, von der Angst, von Gott und Menschen vergessen zu sein und von der Geduld und der Hoffnung, dass das Warten ein Ende hat. Unser Alltag erzählt im Moment ähnliche Geschichten über Verzweiflung, Sorgen und gravierende Umwälzungen. Dem gegenüber steht der Wochenspruch des zweite Adventes: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21) Das Aufschauen verändert die ganze Körperhaltung. Wenn ich mich aufrichte, den Rücke strecke und aufschaue, dann richtet sich auch in mir etwas auf. Probieren Sie es mal aus. Stellen Sie sich bewusst aufrecht und schauen auf das, was sie vor Augen haben. Auf den Himmel, die Bäume im Wind, den leuchtenden Stern im Fenster oder das Adventslicht auf dem Kranz oder auch einem lieben Menschen ins Gesicht.

Lied EG 17, 1-2 Wir sagen euch an, den lieben

Gebet

Lebendiger Gott, du bist auf dem Weg zu uns und richtest uns auf. Hab Dank dafür. Wir sehnen uns nach Zeichen deiner Gegenwart und deines Kommens. Wir bitten dich: Fang unsere Zweifel und Sorgen auf. Komm uns nahe im Schein deines Lichtes und in der Freundlichkeit der Menschen. Amen.

Einleitung zum Predigttext

In dem alttestamentlichen Predigttext für den 2. Advent lese ich die laute die Klage Jesajas über den Zustand der Welt. Die Menschen hatten ihre Heimat verloren, Familien wurden auseinandergerissen, die Kultur und Religion lagen am Boden. Der Tempel zerstört und entweiht. Hilfesuchend fragte er Gott: Wo bist du? Wann kommst du, um zu helfen? Es kann doch nicht sein, dass du Gott zu dem ganzen Schlamassel schweigst. Jesaja wagt einem Blick in die heilvolle Vergangenheit. Die Erinnerung an die Zeit, als der Tempel noch stand, das Volk geeint im eigenen Land und nicht in der Fremde lebte, stemmt sich mit aller Macht gegen die Lethargie und gefühlte Machtlosigkeit. Seine Bitte an Gott: „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab! (zu uns)“ geht direkt ins Herz. Ach ja, wenn du doch endlich eingreifen könntest, um alles, was in Unordnung geraten ist, einen Platz zu geben. In Anlehnung an diesen Bibelvers dichtete Friedrich Spee 1622 das Adventslied: O Heiland, reiß den Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

Predigttext Jesaja 63,15-64,3

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten, und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! Von alters her hat man es nicht vernommen, kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Gedanken zum Text

Friedrich Spee, 1591 geboren, wurde im Jesuitengymnasium erzogen und trat 1610 in den Jesuitenorden ein. Im Auftrag seines Ordens ging er 1627 nach Franken, wo er die Aufgabe hatte, die zum Tod verurteilten vermeintlichen Hexen und Zauberer auf dem letzten Gang zu begleiten. Aus den tief erschütternden Erlebnissen und Erfahrungen entstand seine Schrift „Cautio criminalis s. Liber de processu contra sagas“ (Rechtlicher Vorbehalt oder Buch über die Prozesse gegen Hexen), worin er den Hexenwahn im katholischen Deutschland nachdrücklich bekämpfte und mit dazu beitrug, dass diesem Unwesen ein Ende gesetzt worden ist. Er sah viel Finsternis und wenig Licht und wollte sich damit nicht abfinden.

O Heiland, reiß den Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für. Ich lese in diesen Tagen viel von Spaltungen, Gegnerschaften, Verweigerern und Schuldzuweisungen und frage mich besorgt, wo das noch hinführen soll.

Ich höre in diesen Tagen in Gesprächen von Schuld und Unschuld, davon, dass endlich hart durchgegriffen werden sollte und frage mich besorgt, was das mit unseren Kirchengemeinden und der Gesellschaft macht.

Ich erlebe in diesen Tagen persönliche Betroffenheit und die Angst, dass der Ausnahmezustand nie ein Ende haben könnte und wünschte mir, immer die richtigen Worte zu finden.

O Heiland, reiß den Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

Klagen, ja, wenn es hilft, immer wieder, denn wer klagt, der fühlt, denkt, spricht, ist ganz bei sich und bei jenen, die unsere Anteilnahme und Unterstützung brauchen, bei jenen, die schweigen und nichts mehr fühlen (können) Laut werden und wie Jesaja klagen: Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich.

Verurteilen und ausgrenzen, nein, denn wir leben doch im Glauben vom Versöhnungswillen Gottes mit uns. Wege der Versöhnung und offene Kirchen für jeden Menschen wünsche ich mir in diesen Tagen. Ich habe mit Erschütterung gelesen, dass Gemeindemitglieder, die zum Gottesdienst wollten, nach Hause geschickt wurden, weil sie vor Ort nicht getestet werden konnten. Die 3G Regel für Andachten und Gottesdienste hat uns kurz vor dem 1. Advent kalt erwischt. In anderen Gemeinden ging man einfach nach draußen und jeder der wollte, war am 1. Advent dabei. In Kavelstorf konnten wir, dank der Ev. Grundschule, Tests anbieten.

O Heiland, reiß den Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf, reiß ab vom Himmel Tor und Tür, reiß ab, wo Schloss und Riegel für.

Jesaja ist Realist, (an)erkennt den Bruch, den Abbruch alter Traditionen und die Umbrüche im Leben. Ja, wünscht ihn sich sogar herbei, damit sich das Leben endlich aus der Erstarrung lösen und etwas neues beginnen kann. O dass du doch den Himmel zerrissest, herabführest, so dass die Berge vor dir ins Wanken gerieten – wie Feuer Reisig in Brand setzt und Feuer das Wasser in Sieden versetzt…

Nichts bleibt wie es ist, aber mit Gott rechnen. Das bleibt. Immer, egal in welcher Zeit.

Im Adventskalender fand ich heute (3.12.) dazu einen Text von Gianna Wedde:

Der Trost hat mich gefragt, ob ich bereit bin, durch den Schmerz hindurchzugehen, anstatt ihn zu umkreisen, und ob ich meinen Finger so lange in die Wunde lege, bis ich das Unversehrte darin fühlen kann. Er hat mich gefragt, ob ich mich halten lassen werde von Armen, die nichts je wieder in Ordnung bringen, und ob ich schweigen kann, bis irgendwann wie warmer Atem ein gutes Wort mich streift. Er hat mich gefragt, ob ich mich bücken werde zur kleinen blauen Blüte am Wegesrand, ob ich Kirschen von den höchsten Ästen pflücke und ob ich es ertragen kann, wenn mich am Abend ein Glück ganz ohne Grund befällt. Er hat mich gefragt, ob ich erahne, dass ich auf nichts ein Anrecht habe, auch nicht auf die Untröstlichkeit, weil sich in jedem Augenblick das Leben selbst an mich verschenkt, ohne zögern und ohne Maß. Wie eine, die noch in die Weite dieses Wortes wachsen muss, sagte ich ja.

Wir sind mitten im Advent, eine Zeit der Erwartung und des Trostes. Gott sei Dank.

Lied EG 7, 1-4 O Heiland, reißt die Himmel auf

Fürbitte

Wann reißt du den Himmel auf, Gott? Du siehst das Leid, die Trauer. Du siehst, wie wir warten.
Reiß den Himmel auf. Wir bitten dich: Herr, erbarme dich.

Barmherziger Gott, sieh auf die Verantwortlichen. Höre die Ratlosigkeit und den Zweifel. Hilf denen, die ihre Kräfte für andere verausgaben.
Barmherziger Gott, Hilf denen, die unter den Folgen unserer Sorglosigkeit leiden. Hilf den Flutopfern dieses Sommers. Hilf den Hungernden. Hilf den Kriegsopfern.
Barmherziger Gott, sieh auf uns und unsere Kinder. Wir warten auf dich.
Vaterunser

Segen (Gernot Candolini)

Segne mein Warten. Sei mir nahe im Schweigen. Schenke mir die Ruhe im Auge des Sturms. Erbarme dich meiner Angst. Stärke mein fragendes Herz. Erleuchte mich mit Mut. Hilf mir, klare Gedanken zu fassen. Lass mich das Wirkliche spüren. Rufe dein Wort in meine Seele. Schärfe meine Sinne. Sende mir einen Boten. Segne mein Warten. Amen.